Michail Bulgakow Der Meister und Margarita ROMAN Aus dem Russischen von Thomas Reschke Mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen von Ralf Schröder Sammlung Luchterhand Inhalt Erster Teil 1 Sprechen Sie nie mit Unbekannten 11 2 Pontius Pilatus 26 3 Der siebte Beweis 55 4 Die Verfolgung 61 5 Der Vorfall im Gribojedow 70 6 Schizophrenie, wie gesagt 85 7 Die unheimliche Wohnung 95 8 Duell zwischen Professor und Poet 108 9 Korowjews Streiche 118 10 Nachrichten aus Jalta 129 11 Die Spaltung Iwans 143 12 Die Schwarze Magie und ihre Entlarvung 147 13 Das Erscheinen des Helden 163 14 Gepriesen sei der Hahn! 189 15 Der Traum des Nikanor Iwanowitsch 200 16 Die Hinrichtung 214 17 Ein unruhiger Tag 229 18 Die unglücklichen Besucher 245 Zweiter Teil 19 Margarita 273 20 Die Creme des Asasello 289 21 Der Flug 295 22 Im Kerzenlicht 311 23 Der große Ball beim Satan 327 24 Der Meister wird geholt 345 25 Wie der Prokurator Judas aus Kirjath zu retten versuchte 373 26 Die Beerdigung 386 27 Das Ende der Wohnung Nr. 50 412 28 Die letzten Abenteuer von Korowjew und Behemoth 431 29 Das Schicksal des Meisters und Margaritas ist entschieden 446 30 Höchste Zeit! Höchste Zeit! 452 31 Auf den Sperlingsbergen 466 32 Vergebung und ewiger Hort 469 Epilog 476 Literaturgeschichtliche Anmerkungen 493 »Nun gut, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.« Goethe, »Faust« Erster Teil 1 Sprechen Sie nie mit Unbekannten An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteich- boulevard zwei Männer. Der eine, etwa vierzig Jahre alt, trug einen mausgrauen Sommeranzug, war von kleinem Wuchs, dunkelhaarig, wohlgenährt und hatte eine Glatze; seinen gediegenen Hut, der wie ein Brötchen aussah, hielt er in der Hand, und das glattrasierte Gesicht war mit einer überdimensionalen schwarzen Hornbrille geschmückt. Der andere, ein breitschultriger junger Mann mit wirb- ligem rötlichem Haar, hatte die gewürfelte Sportmütze in den Nacken geschoben und trug ein kariertes Hemd, zer- knautschte weiße Hosen und schwarze Turnschuhe. Der erste war niemand anders als Michail Alexandro- witsch Berlioz, Chefredakteur einer dickleibigen Litera- turzeitschrift und Vorsitzender einer der größten Mos- kauer Literatenassoziationen, abgekürzt MASSOLIT;sein junger Begleiter war der Lyriker Iwan Nikolajewitsch Pony- rew, der unter dem Pseudonym »Besdomny« schrieb. Nachdem die beiden Schriftsteller den Schatten der grünknospenden Linden erreicht hatten, stürzten sie sich als erstes auf ein buntgestrichenes Büdchen mit der Auf- schrift »Bier und div. Mineralwasser«. Es ist nun an der Zeit, die erste Merkwürdigkeit dieses entsetzlichen Maiabends zu erwähnen. Nicht nur bei dem 11 Büdchen, nein, in der ganzen Allee, die parallel zur Klei- nen Bronnaja-Straße lief, war keine Menschenseele zu sehen. In einer Stunde, in der wohl keiner mehr die drückende Luft atmen mochte und die Sonne, nachdem sie Moskau durchgeglüht hatte, im trockenen Dunst irgendwo hinterm Sadowoje-Ring wegsackte, kam nie- mand unter die Linden, saß niemand auf den Bänken, und die Allee war menschenleer. »Narsan bitte«, sagte Berlioz. »Ham wir nicht«, antwortete die Frau im Büdchen und war komischerweise beleidigt. »Haben Sie Bier?« fragte Besdomny heiser. »Bier kommt erst noch«, antwortete die Frau. »Was haben Sie denn da?« fragte Berlioz. »Aprikosenlimonade, aber die ist warm«, sagte die Frau. »Na los, geben Sie her, geben Sie her!« Die Aprikosenlimonade warf reichlichen gelben Schaum, und in der Luft verbreitete sich Friseurladengeruch. Als die beiden Schriftsteller ausgetrunken hatten, bekamen sie den Schluckauf; sie zahlten und setzten sich auf eine Bank, das Gesicht dem Teich, den Rücken der Kleinen Bronnaja- Straße zugekehrt. In diesem Moment ereignete sich die zweite Merkwür- digkeit; sie betraf jedoch nur Berlioz. Er hörte plötzlich auf zu schlucken, sein Herz hämmerte und verschwand für einen Moment, dann kehrte es zurück, doch steckte jetzt eine stumpfe Nadel darin. Überdies wurde er von einer grundlosen, aber so heftigen Angst gepackt, daß er am liebsten Hals über Kopf davongelaufen wäre. Wehmütig schaute er hinter sich und begriff nicht, was ihn ängstigte. Er erblaßte, wischte sich mit dem Taschen- tuch die Stirn und dachte: Was hab ich bloß? So was kenne ich doch gar nicht. Das Herz macht Dummheiten … Ich bin überarbeitet. Vielleicht sollte ich alles stehn- und lie- genlassen und nach Kislowodsk abhauen … Da plötzlich gerann vor seinen Augen die glühendheiße Luft zu einem durchsichtigen Mann von sehr merkwürdi- 12 gem Aussehen. Auf dem kleinen Kopf saß eine Jockey- mütze, und er trug ein fipsiges, luftiges kariertes Jäckchen. Er war über zwei Meter groß, aber schmal in den Schul- tern, unsäglich mager, und seine Visage, wohlbemerkt, grinste fies. Berlioz’ Leben war bislang so verlaufen, daß er abson- derliche Erscheinungen nicht gewohnt war. Er wurde noch käsiger, riß die Augen weit auf und dachte bestürzt: Das kann doch nicht wahr sein! Doch o weh, es stimmte, und der lange Kerl, durch den man hindurchsehen konnte, wiegte sich, über der Erde schwebend, vor ihm hin und her. Da ergriff das Entsetzen Berlioz dermaßen, daß er die Augen zukniff. Als er sie wieder öffnete, war alles vorbei – das Dunstbild war zerflattert, der Karierte verschwunden und die stumpfe Nadel aus dem Herzen gesprungen. »Den Deibel auch!« rief der Redakteur aus. »Weißt du, Iwan, ich hätte doch eben beinah den Hitzschlag gekriegt! Sogar eine Art Halluzination hab ich gehabt …« Er ver- suchte ein Lachen, aber in seinen Augen flirrte noch die Unruhe, und seine Hände flatterten. Allmählich aber beruhigte er sich, wedelte sich mit dem Taschentuch Küh- lung zu, sagte ziemlich munter: »Also weiter …« und setzte seine Ausführungen fort, die von der Aprikosenlimonade unterbrochen worden waren. Die Ausführungen drehten sich, wie man später erfuhr, um Jesus Christus. Die Sache war die, daß der Redakteur bei dem Lyriker für die nächste Nummer seines Journals ein großes antireligiöses Poem bestellt hatte. Besdomny hatte das Poem verfertigt, und das in sehr kurzer Zeit, doch bedauerlicherweise stellte es den Redakteur in kei- ner Weise zufrieden. Der Lyriker hatte die Hauptperson, Jesus also, in sehr schwarzen Farben gemalt, doch nichts- destoweniger mußte nach Meinung des Redakteurs das Poem völlig neu geschrieben werden. Jetzt hielt er dem Poeten eine Art Vorlesung über Jesus, um ihm seinen Grundfehler zu verdeutlichen. 13 Schwer zu sagen, was Besdomny in die Irre geführt hatte, die Gestaltungskraft seines Talents oder seine völlige Unkenntnis des Stoffs, über den er schrieb, jedenfalls war Jesus bei ihm sehr lebendig geraten, wenn auch alles andere als sympathisch. Berlioz wollte nun dem Lyriker beweisen, daß es gar nicht darum ging, ob Jesus schlecht oder gut gewesen sei, sondern darum, daß er als Persönlichkeit nie existiert hatte und daß alle Erzählungen über ihn schlicht Erfin- dungen, gewöhnliche Mythen seien. Es sei eingeflochten, daß der Redakteur ein belesener Mann war und in seinen Ausführungen sehr geschickt auf antike Chronisten verwies, wie zum Beispiel den berühm- ten Philo von Alexandrien und den glänzend gebildeten Josephus Flavius, die beide die Existenz Jesu mit keinem Wort erwähnt hätten. Solide Gelehrsamkeit bekundend, teilte er dem Lyriker unter anderm mit, daß die Stelle im fünfzehnten Buch, 44. Kapitel der berühmten »Annalen« von Tacitus, wo von der Hinrichtung Jesu die Rede ist, nichts anderes sei als eine viel später eingeschobene Fäl- schung. Der Lyriker, dem all das neu war, hörte Berlioz auf- merksam zu und blickte ihn dabei mit seinen flinken grü- nen Augen an; nur ab und zu, wenn ihn der Schluckauf beutelte, schmähte er flüsternd die Aprikosenlimonade. »Es gibt keine einzige östliche Religion«, sagte Berlioz, »in der nicht eine unbefleckte Jungfrau einen Gott zur Welt gebracht hätte. Die Christen haben sich gar nichts Neues ausgedacht, sondern ihren Jesus, der in Wirklich- keit nie gelebt hat, genauso geschaffen. In dieser Richtung mußt du den Hauptstoß führen.« Berlioz’ hoher Tenor schallte durch die leere Allee, und je weiter er in das Gestrüpp eindrang, in das nur ein vorzüglich gebildeter Mensch eindringen kann, ohne sich den Hals zu brechen, desto mehr Reizvolles und Nützliches erfuhr der Lyriker über den ägyptischen Osiris, gnädigen Gott und Sohn Himmels und der Erden, und über den phönizischen Gott 14 Tammus und über Marduk und sogar über den weniger bekannten drohenden Gott Huitzilopochtli, den die alten Azteken in Mexiko einstmals sehr verehrt hätten. Und als Berlioz dem Lyriker eben erzählte, die Azteken hätten Huitzilopochtli-Figürchen aus Teig geformt, da erschien in der Allee auf einmal ein Mann. In der Folgezeit, als es, offen gestanden, längst zu spät war, legten verschiedene Behörden Berichte mit einer Beschreibung dieses Mannes vor. Ein Vergleich der Berichte bringt Erstaunliches zutage. So heißt es in dem einen Bericht, der Mann sei klein, habe Goldzähne und lahme auf dem rechten Fuß. Ein anderer Bericht besagt, der Mann sei riesengroß, habe Platinkronen und lahme auf dem linken Fuß. Ein dritter teilt lakonisch mit, der Mann habe keine besonderen Kennzeichen. Es sei zugegeben, daß die Berichte samt und sonders nichts taugen. Vor allem eines: Der Beschriebene lahmte überhaupt nicht und war weder klein noch riesig, sondern einfach groß. Was seine Zähne betrifft, so trug er links Platinkro- nen und rechts Goldkronen. Bekleidet war er mit einem teuren grauen Anzug und dazu passenden ausländischen Schuhen. Die graue Baskenmütze hatte er flott aufs Ohr geschoben, und unterm Arm trug er einen Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Dem Ausse- hen nach war er etwas über vierzig. Der Mund war leicht schief. Das Gesicht glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aber grün. Die Brauen waren schwarz, doch saß die eine etwas höher als die andere. Kurzum – ein Ausländer. Als er an der Bank vorbeiging, auf der der Redakteur und der Lyriker saßen, warf er ihnen einen Seitenblick zu, blieb dann zwei Schritt weiter plötzlich stehen und setzte sich auf die Nachbarbank. Ein Deutscher, dachte Berlioz. Ein Engländer, dachte Besdomny, du lieber Gott, daß er nicht schwitzt mit den Handschuhen! 15 Der Ausländer ließ den Blick über die hohen Häuser gleiten, die den Teich quadratisch säumten, und es war zu erkennen, daß er diese Gegend zum erstenmal sah und daß sie ihn interessierte. Sein Blick verweilte auf den oberen Etagen, deren Fen- ster blendend hell die für immer aus Berlioz’ Augen ent- schwindende Sonne reflektierten, dann glitt er tiefer, dahin, wo die Fenster schon abendlich dunkelten; der Mann lächelte nachsichtig, kniff die Augen ein, legte die Hände auf den Stockknauf und das Kinn auf die Hände. »Du, Iwan, hast zum Beispiel die Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes, sehr schön und satirisch dargestellt«, sagte Berlioz, »aber das Pikante ist doch, daß vor Jesus schon eine ganze Reihe von Gottessöhnen geboren wurden, etwa der phönizische Adonis, der phrygische Attis oder der per- sische Mithra, doch nicht einer von ihnen wurde geboren, und nicht einer von ihnen hat gelebt, auch Jesus nicht, und du hättest statt seiner Geburt oder meinetwegen statt der Anbetung der Könige lieber die dummen Gerüchte über diese Anbetung darstellen sollen. In deinem Poem kommt ja heraus, daß er tatsächlich geboren wurde!« Besdomny machte einen Versuch, den peinigenden Schluckauf loszuwerden – er hielt den Atem an, was jedoch noch qualvolleres und lauteres Hicken zur Folge hatte. In diesem Moment unterbrach Berlioz seine Ausführungen, denn der Ausländer hatte sich plötzlich erhoben und trat auf die beiden Schriftsteller zu. Sie sahen ihn verwundert an. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er mit fremdländi- schem Akzent, doch ohne die Worte zu verstümmeln, »wenn ich, ohne Sie zu kennen, mir die Freiheit nehme … Aber der Gegenstand Ihres wissenschaftlichen Gesprächs ist so interessant, daß …« Höflich zog er die Baskenmütze, und den Freunden blieb nichts anderes übrig, als sich zu erheben und eine Verbeugung zu machen. Nein, er ist wohl ein Franzose, dachte Berlioz. 16 Ein Pole, dachte Besdomny. Es sei hinzugefügt, daß der Ausländer von den ersten Worten an dem Lyriker unsympathisch war, während er Berlioz eher gefiel, das heißt nicht richtig gefiel, sondern, wie soll ich’s ausdrücken … fesselte, so vielleicht. »Darf ich mich setzen?« bat der Ausländer höflich. Die Freunde rückten unwillkürlich auseinander, der Auslän- der setzte sich geschickt zwischen sie und trat sofort in das Gespräch ein. »Wenn ich mich nicht verhört habe, geruhten Sie zu sagen, daß Jesus überhaupt nicht auf der Welt war?« fragte er und wandte sein grünes linkes Auge Berlioz zu. »Ja, ganz recht«, antwortete Berlioz höflich. »Genau das habe ich gesagt.« »Ach, wie interessant!« rief der Ausländer. Was zum Donnerwetter will er eigentlich? dachte Bes- domny und runzelte die Stirn. »Und Sie, waren Sie derselben Meinung wie Ihr Gesprächspartner?« erkundigte sich der Fremde und wandte sich nach rechts an Besdomny. »Voll und völlig!« bejahte der Lyriker, der sich gerne bildhaft und verschnörkelt ausdrückte. »Frappierend!« rief der Zudringling, blickte sich ver- stohlen um und sagte, die tiefe Stimme dämpfend: »Ent- schuldigen Sie meine Aufdringlichkeit, aber habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie auch nicht an Gott glauben?« Er machte erschrockene Augen und fügte hinzu: »Ich schwöre Ihnen, daß ich’s niemandem sagen werde!« »Ganz recht, wir glauben nicht an Gott«, antwortete Ber- lioz und belächelte die Furcht des Touristen, »aber dar- über kann man ganz frei sprechen.« Der Ausländer lehnte sich auf der Bank zurück und fragte, wobei seine Stimme vor Neugier überkippte: »Sie sind Atheisten?« »Ja, wir sind Atheisten«, antwortete Berlioz lächelnd, und Besdomny dachte verdrossen: Was der uns löchert, der ausländische Fatzke! 17 »Oh, wie entzückend!« rief der seltsame Ausländer und wandte den Kopf bald dem einen, bald dem andern Schriftsteller zu. »In unserem Land verblüfft Atheismus niemanden«, sagte Berlioz mit diplomatischer Höflichkeit. »Die Mehr- heit unserer Bevölkerung hat politisches Bewußtsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.« Da leistete sich der Ausländer folgendes Ding: Er stand auf, drückte dem verdutzten Redakteur die Hand und sprach dazu die Worte: »Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen zu dan- ken!« »Wofür danken Sie ihm denn?« erkundigte sich Bes- domny und klapperte mit den Augen. »Für die sehr wichtige Information, die mir als Frem- dem ungemein interessant ist«, erläuterte der kauzige Aus- länder und hob bedeutsam den Finger. Die wichtige Information schien ihn wirklich stark beeindruckt zu haben, denn er ließ den Blick erschrocken über die Häuser gleiten, als fürchte er, in jedem Fenster einen Atheisten zu entdecken. Nein, er ist kein Engländer, dachte Berlioz, und Bes- domny dachte: Ich möchte bloß wissen, wo er sein Russisch herhat!, dann runzelte er wieder die Stirn. »Aber gestatten Sie mir eine Frage«, sagte der Fremde nach besorgtem Grübeln, »wie steht es denn nun mit den Beweisen für die Existenz Gottes, von denen es bekannt- lich fünf gibt?« »Ach herrje!« antwortete Berlioz bedauernd. »Diese Beweise sind allesamt nichts wert, und die Menschheit hat sie längst zu den Akten gelegt. Sie werden doch zugeben, daß es im Bereich der Vernunft einen Beweis für die Exi- stenz Gottes gar nicht geben kann.« »Bravo!« rief der Ausländer. »Bravo! Sie wiederholen da genau den Gedanken des rastlosen alten Immanuel zu die- sem Problem. Eines jedoch ist kurios: Er hat alle fünf Got- tesbeweise restlos zerschlagen, hat aber dann, als ob er sich 18 selbst verspotten wollte, einen eigenen sechsten Gottesbe- weis aufgestellt.« »Kants Gottesbeweis«, entgegnete der gebildete Redak- teur mit feinem Lächeln, »ist ebenfalls nicht zwingend. Nicht umsonst sagte Schiller, Kants Schlußfolgerungen zu dieser Frage könnten allenfalls Sklaven zufriedenstellen, und Strauß hat sich über den Beweis nur amüsiert.« Während Berlioz sprach, überlegte er: Wer mag er sein? Und woher kann er so gut Russisch? »Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!« stieß Besdomny überraschend hervor. »Aber Iwan!« flüsterte Berlioz verlegen. Doch der Vorschlag, Kant nach Solowki zu schicken, hatte den Ausländer keineswegs befremdet, sondern förmlich entzückt. »Genau, genau!« schrie er, und sein auf Berlioz gerich- tetes grünes linkes Auge funkelte. »Da gehört er hin! Ich hab ihm damals beim Frühstück gesagt: ›Ich kann mir nicht helfen, aber Sie haben sich da was Ungereimtes aus- gedacht, Professor. Es mag ja gescheit sein, ist aber völlig unverständlich. Man wird sich über Sie lustig machen.‹« Berlioz quollen die Augen aus dem Kopf. Beim Früh- stück? Kant? Was faselt er da? dachte er. »Aber«, fuhr der Fremdling fort, ohne sich durch Berlioz’ Verblüffung beirren zu lassen, und wandte sich dem Lyriker zu, »ihn nach Solowki zu verbannen ist ganz unmöglich, aus dem einfachen Grunde, weil er schon etwas über hundert Jahre in einer Gegend weilt, die bedeutend weiter entfernt ist als Solowki und aus der man ihn, ich versichere es Ihnen, unmöglich zurückholen kann.« »Schade!« rüpelte der Lyriker. »Finde ich auch«, versetzte der Unbekannte, funkelte ihn an und fuhr fort: »Aber jetzt beschäftigt mich eine Frage: Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das menschliche Leben und überhaupt den ganzen Ablauf auf der Erde?« 19 »Der Mensch selber«, beeilte sich Besdomny ärgerlich diese nicht eben sehr klare Frage zu beantworten. »Entschuldigung«, antwortete der Unbekannte sanft, »um das alles zu lenken, bedarf es schließlich eines ge- nauen Planes für einen halbwegs angemessenen Zeit- raum. Gestatten Sie zu fragen, wie soll ein Mensch das alles lenken, wenn er nicht nur der Möglichkeit erman- gelt, einen Plan selbst für eine so lächerliche Frist von, sagen wir, tausend Jahren aufzustellen, sondern auch nicht einmal sicher sein kann, was ihm selber der mor- gige Tag bringt? Wirklich« – der Unbekannte wandte sich Berlioz zu –, »stellen Sie sich vor, Sie zum Beispiel fangen nun an, sich und andere zu lenken und Anordnungen zu treffen, Sie kommen sozusagen auf den Geschmack, und plötzlich kriegen Sie … kch … kch … ein Lungen- sarkom …« Der Ausländer schmunzelte genüßlich, als bereite ihm der Gedanke an das Lungensarkom Vergnü- gen, »ja, ein Lungensarkom«, wiederholte er, wie ein Kater blinzelnd, das klangvolle Wort, »und schon ist es aus mit Ihrer Lenkerei! Kein fremdes Schicksal interessiert Sie mehr, nur noch Ihr eigenes. Ihre Angehörigen fan- gen an, Sie zu belügen. Da wittern Sie Unrat, laufen zu gelehrten Ärzten, dann zu Kurpfuschern und vielleicht auch zu Wahrsagerinnen. Wie das erste und zweite, so ist auch das dritte völlig sinnlos, das wissen Sie selber. Das Ganze endet tragisch: Der Mann, der noch vor kurzem etwas zu lenken wähnte, liegt plötzlich starr und steif in einer Holzkiste, und seine Umgebung, wohl wissend, daß nichts Vernünftiges mehr von ihm zu erwarten ist, ver- brennt ihn im Ofen. Manchmal kommt es noch schlim- mer: Jemand hat sich gerade erst vorgenommen, nach Kislowodsk zu fahren.« Der Ausländer starrte Berlioz mit schmalen Augen an. »Eine lächerliche Sache, sollte man denken, aber auch das bringt er nicht zuwege, denn plötzlich rutscht er aus und gerät unter die Straßenbahn! Sie werden doch nicht behaupten, er selbst habe das so gefügt! Ist es nicht richtiger, anzunehmen, daß ein ande- 20 rer ihn so gelenkt hat?« Hier ließ der Unbekannte ein seltsames Kichern hören. Berlioz hatte der häßlichen Erzählung vom Sarkom und von der Straßenbahn sehr aufmerksam gelauscht, und sor- genvolle Gedanken begannen ihn zu peinigen. Er ist kein Ausländer, er ist kein Ausländer, dachte er, er ist ein sehr sonderbares Subjekt. Aber bitte schön, wer ist er eigent- lich? »Ich sehe, Sie möchten rauchen?« sagte der Unbe- kannte plötzlich zu Besdomny. »Welches ist Ihre Sorte?« »Wieso, haben Sie mehrere bei sich?« fragte mürrisch der Lyriker, dem die Zigaretten ausgegangen waren. »Welche rauchen Sie am liebsten?« wiederholte der Unbekannte. »Nun denn, die ›Lieblingsmarke‹«, antwortete Bes- domny wütend. Sofort holte der Unbekannte ein Zigarettenetui aus der Tasche und bot es Besdomny an. »Bitte, ›Lieblingsmarke‹.« Der Redakteur und der Lyriker waren nicht so sehr davon beeindruckt, daß das Etui ausgerechnet die »Lieb- lingsmarke« enthielt, wie von dem Etui selbst. Es war sehr groß und aus hochkarätigem Gold, und als der Unbe- kannte den Deckel aufklappte, sprühte ein Brillantendrei- eck blaues und weißes Feuer. Den beiden Schriftstellern gingen unterschiedliche Gedanken durch den Kopf: Berlioz – doch, er ist ein Aus- länder!; Besdomny – zum Teufel mit ihm, oder? Der Lyriker und der Etuibesitzer steckten sich Zigaret- ten an; der Nichtraucher Berlioz hatte abgelehnt. Man müßte ihm so antworten, überlegte Berlioz: Ja, der Mensch ist sterblich, das bestreitet ja auch niemand. Aber die Sache ist die, daß … Allein, er kam nicht dazu, diese Worte auszusprechen, denn der Ausländer sagte: »Ja, der Mensch ist sterblich, aber das wäre nicht so schlimm. Schlimm ist, daß er bisweilen sehr plötzlich 21 stirbt, da liegt der Hase im Pfeffer! Nie kann er sagen, was er noch am selben Abend tun wird.« So was von dummer Fragestellung, dachte Berlioz und entgegnete: »Na, das ist ja nun übertrieben. Den heutigen Abend kann ich mehr oder weniger genau voraussehen. Natürlich, wenn mir in der Kleinen Bronnaja ein Ziegel- stein auf den Kopf fällt …« »Von nichts und wieder nichts«, unterbrach ihn der Unbekannte nachdrücklich, »fällt keinem ein Ziegelstein auf den Kopf. Insbesondere Ihnen nicht, das kann ich Ihnen versichern. Sie werden eines anderen Todes sterben.« »Vielleicht wissen Sie sogar, welchen Todes?« erkun- digte sich Berlioz mit ganz natürlicher Ironie, da er sich nun schon auf dieses wirklich unsinnige Gespräch einge- lassen hatte. »Können Sie es mir sagen?« »Gern«, erwiderte der Unbekannte. Er maß Berlioz mit einem Blick, als wolle er ihm einen Anzug nähen, und mur- melte etwas durch die Zähne, was etwa so klang: »Eins, zwei … Merkur im zweiten Haus … Der Mond ist untergegangen … sechs – Unglück … Abend – sieben …« Laut und freudig erklärte er: »Ihnen wird der Kopf vom Rumpf getrennt!« Mit weit aufgerissenen Augen, mit irrem und bösem Blick glotzte Besdomny den dreisten Ausländer an, und Berlioz fragte mit schiefem Grinsen: »Wer wird denn das tun? Feinde? Interventen?« »Nein«, antwortete der Unbekannte, »eine russische Frau, eine Komsomolzin.« »Hm«, brummte Berlioz, verdrossen über den schlech- ten Scherz des Unbekannten, »das ist aber, entschuldigen Sie, ziemlich unwahrscheinlich.« »Ich bitte auch um Entschuldigung«, antwortete der Ausländer, »aber es ist so. Ja, ich möchte Sie geradeheraus fragen, wenn’s kein Geheimnis ist, was haben Sie heute abend vor ?« »Es ist kein Geheimnis. Ich gehe jetzt nach Hause in die Sadowaja, und um zehn Uhr abends findet in der MASSO- LIT eine Sitzung statt, der ich präsidieren werde.« 22 »Nein, das kann nicht sein«, widersprach der Ausländer fest. »Warum nicht?« »Weil«, antwortete der Ausländer und blickte mit einge- kniffenen Augen zum Himmel, wo im Vorgefühl der abendlichen Kühle schwarze Vögel geräuschlos ihre Muster strichelten, »weil Annuschka Sonnenblumenöl gekauft hat, und nicht nur gekauft, sondern auch bereits verschüttet. Darum wird die Sitzung nicht stattfinden.« Nach diesen Worten trat unter den Linden begreifli- cherweise Schweigen ein. »Entschuldigen Sie«, sagte Berlioz dann und sah den Ausländer an, der solchen Unsinn von sich gab, »was hat das mit Sonnenblumenöl zu tun, und wer ist diese Annuschka?« »Folgendes hat das mit Sonnenblumenöl zu tun«, sagte plötzlich Besdomny, sichtlich entschlossen, dem ungebe- tenen Gesprächspartner den Krieg zu erklären. »
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